Ibn Hamdîs

Montag, 18. September 2017

Ibn Hamdîs, Diwan, VII

Er besingt die Liebe

1
Ich hab’ euch verlassen, und die Trennung von euch war hart,
die auszuhalten weder der Körper noch das Herz vermag.

2
Gestorben sind die Fernen. An welchen Rat soll ich mich klammern
jetzt, da unsere Verwandten in alle Winde zerstreut?

3
Wirst du bleiben, nachdem die Reiter fort sind? Wie ohne dich
bleiben? Die Reiter sind fort.

4
Wie viele suchen nicht das Meer auf, Meer des Schmerzes,
deren Auge sich für dich mit frischen Perlen füllt!

5
Nicht aus Haß verließ ich deine Heimstatt,
denn die Liebe stirbt erst, wenn man sie ausgelebt.

6
Ich erhoffe keinen Frieden von der Zeit,
die den Krieg entflammen ließ.

7
Und ist das Schicksal wohlgesinnt, oh! wie oft wird nicht
umgänglich der Unbezähmbare und zahm der Widerspenstige.

[Ibn Hamdîs, Diwan, VI]

Sonntag, 17. September 2017

Ibn Hamdîs, Diwan, VI

Er beschreibt das Meer

1
Ich seh‘ dich sturmumtost durchfahren ein riesiges
Meer, auf dem man vor Fährnissen nie sicher sein kann.

2
Dein Schiff wird hin- und hergeworfen nach Ost, nach West,
vorwärts getrieben vom Süd- und vom Nordwind.

3
Mehr aber noch als die Überquerung des Meeres, dünkt mich,
ist hart zu ertragen, was dich genötigt, es zu tun.

[Ibn Hamdîs, Diwan, V]

Samstag, 16. September 2017

Ibn Hamdîs, Diwan, V

1
Die Finsternis lag wie schwarze Tinte ausgegossen auf der Erde,
und mit der nächtlichen Reise zerriß ich ihren Schleier,

2
die Freundinnen zu besuchen. In deren Dickicht verbargen sich
die Feinde gleich wütenden Löwen, die den Blick schärfen.

3
Der Stamm wußte nichts davon, und ich ging auf glühenden Kohlen der Feindschaft,
die den, wäre er denn aus Eisen, schmelzen ließen, der den Fuß darauf setzt.

4
So groß meine Leidenschaft, daß mein Haar davon weiß wurde, daß selbst
ein Jüngling in der Blüte der Jahre, davon ergriffen, weiße Haare bekäme.

5
Ich ritt eine Kamelstute, die den Weg nur so verschlang,
in deren Adern reines Rassenblut floß;

6
mit smaragdgrünen Klauen an Hufen, die sie im Laufen
auf Steine setzte, ohne sich zu verletzen.

7
Zum Beweis reckte sie den Hals, so daß sie fast das Wasser
zu trinken bekam, das die Winde in den Wolken vorwärts peitschen.

8
Sie schreckte mit mir die Eule auf, als hätt’ ich sie, die Stute,
eigens um sie, die Eule, zu jagen, bestiegen.

9
Begleiter war mir ein Schwert, dessen Maserung wie Ameisengewimmel,
damit sich Fliegen ihm zugesellen.

10
In seinem Wasserglanz schien’s, als hätte die Sonne
mit ihren Strahlen ihren Speichel darauf gespien.

11
Der Morgenröte Schlange hatte die Sterne verjagt
wie ein Sturzbach, dem die Luftblasen zum Opfer fallen.

[Ibn Hamdîs, Diwan, IV]

Freitag, 15. September 2017

Ibn Hamdîs, Diwan, IV

Er singt von der Liebe

1
Sie kam mich besuchen, obwohl sie fürchtete, gesehen zu werden,
sie schien ein Zicklein, das der Wolf erschreckt.

2
Der Kampfer war im Weiß ihrer Farbe,
der Moschus im Duft ihres Parfüms.

3
Als wollt‘ sie den Durst einer geplagten Liebe zu löschen,
für die sein Herz sich entflammt,

4
mit einem Kühleborn, dessen Kiesel
wie aufgereihte Perlen schimmerten.

5
Aber als ich mich durch einen Schluck daran laben wollte,
flatterte, ein umsichtig Vögelchen,

6
sie hinfort. Nun sag’ mir einer von einer Sonne,
die untergeht, wo sie aufzugehen pflegt:

7
sie zu treffen war kürzer noch
als die Unterredung eines Predigers.

[Ibn Hamdîs, Diwan, III]

Donnerstag, 14. September 2017

Ibn Hamdîs, Diwan, III

Er singt von einer Seerose

1
Du trinkst aus dem Becken der grünen Seerose
mit den rötlichen Blüten.

2
Grad so, als züngelten sie
Feuer aus dem Wasser.

[Ibn Hamdîs, Diwan, II]

Mittwoch, 13. September 2017

Ibn Hamdîs, Diwan, II

Er beschreibt das Ergrauen und erinnert sich an die Liebe zu seiner Heimat

1
Die Sorge ums Ergrauen schlug der Jugend Freude in den Bann,
das Ergrauen, wenn’s erglänzt, läßt dunkle Nacht heraufziehen.

2
Ich hatte den Mittagsschatten der jugendlichen Kraft erreicht
als sie, sich neigend, sich von mir entfernte.

3
Vermagst du meinen verlorenen frischen Jahren Trost zu spenden?
Wer das Übel vorfindet, ist auf Abhilfe erpicht.

4
Soll ich meine grauen Haare schwarz färben,
damit sich Nacht über die Morgenröte stülpt?

5
Wie soll ich den gefärbten Haaren trauen,
wenn mir der Glaube in die Jugend fehlt?

6
Ein leichter Wind, ein Zephyrhauch
murmelte frisch, lieblich verscheidend.

7
Wir, auf Reisen, und der Regen, ihm verschwistert,
ließ den Himmel Tränen fallen auf das tote Land.

8
Hörtest Donnergrollen durch die Wolken rollen:
als röhrte der Kamelhengst seinen Stuten zu.

9
Aus ihren Säumen zuckten Blitze
funkelnd wie gezückte blanke Klingen.

10
Die Nacht umhüllte mich in ihre Finsternis:
“O kommt, ihr, der Dämmerung Lichtbringer!”

11
Und du, oh Wind, wenn je du die Wolken in Regen auflöst
und den durstigen Lagern davon zu trinken gibst,

12
weh mir die trockenen zu,
damit ich sie tränke mit dem Wasser meiner Tränen,

13
und mein Weinen begieße die Wohnstatt der Jugend;
denn nie, in der Trockenheit, hörte sie auf, von Tränen benetzt zu werden.

14
Mach, daß ihnen nicht dürstet, den Resten einer heimatlichen Wohnstatt,
sei’s trächtige Wolke, die sich nähert, sei’s eine, die fortzieht.

15
Wenn du sie nicht kennst, wisse, daß von ihren Zweigen
die Hitze der Sonne den Duft der Aloe ausströmt.

16
Das soll dich nicht wundern, denn in den Zimmern der Liebe
erfüllt ihren Raum der Erde Wohlgeruch.

17
Es weilt unter ihnen mein verliebtes Herz;
aus ihnen schöpf’ ich den letzten Seufzer meines Körpers.

18
Zimmer, denen meine Wünsche zustreben,
wie die Wölfe, die in den Wald sich begeben.

19
Dort war ich den Löwen Gefährte im Dickicht;
dort sucht’ ich die Gazellen in ihrem Lager auf.

20
Jenseits, oh Meer, von dir, hab’ ich ein Paradies,
wo mich Wonne gekleidet und nicht des Unglücks Gewand.

21
Als ich auf den Morgen wartete,
zogst du mir zum Trotz den Abend dazwischen.

22
Oh, wär’ es mir gelungen, meine Gelübde erhören zu lassen,
als das Meer mich hinderte, sie zu erreichen,

23
ich hätt’, es zu überwinden, den Mondbogen als Boot benutzt,
bis ich dort hätte umarmen können eine Sonne.

[Ibn Hamdîs, Diwan, I]

Dienstag, 12. September 2017

Ibn Hamdîs, Diwan, I

1
Wie lange wollt ihr mich im Exil von euch verbannt?
Ach! wie meine Freunde meinen Feinden gleichen!

2
Sie weckten in mir den brennenden Durst hochroter Lippen
Doch an ihnen meinen Durst zu löschen, verwehrte Ferne mir.

3
Widersprachen meiner Hoffnung, die ich in sie gelegt.
Wie viele Heilmittel bewirken nicht das Gegenteil!

4
Unmöglich ist’s, ihr meinen Vorwand zu verbergen;
es ist der Jungfrauen Sitte, den Starrkopf zu bändigen.

5
Oh sie! Dies mein Auge, das man gesehen tränennaß
an meinem Morgen, an meinem Abend.

6
Mein Blick zog auf sich das Übel deiner Pupillen,
so daß mein Körper nicht einmal Hort im Schatten findet.

7
Jedes unfruchtbare Jahr hat seine wohltätigen Regensterne;
für die Unfruchtbarkeit meines Körpers gibt es keine Sternwohltat!

8
Meinertreu! Mög’ ich doch sein Glaubensflamme, der Licht entspringt,
und du, in deinem Busen, in dem Untreue gärt, versuchst mich zu mindern.

9
Der Tadel ist dir Ausnahme in dem Sprichtwort, das besagt:
“Die Entbehrung in der Wüste hält den fern, der sich darin verloren.”

10
Welche Gunst kann ich mir erwarten von deinem Vorwurf?
Schließt man etwa aus dem Krieg den Frieden?

11
Dein Versprechen hat nichts, was mir erfüllt werden könnte;
wie auch kann Fata Morgana löschen den Durst in der Wüste?

12
Oh du, die mir vorwirft, wenn erbebt meine unerschütterliche Ruhe;
meine Ruhe erbebt nur in der Nähe einer Wankelmütigen.

13
Laß sein die ärztliche Kunst, diesen Kranken zu heilen, als Rezept
ist indiziert der Speichel, den ihre Korallenlippen spenden.

14
Ein Kranker, der den Gruß der Schönen erwidert, die ihn aufsuchen,
ist wie der Schiffbrüchige, der mit den Armen winkt und Hilfe sucht.

15
Bittet man eine schöne Hochherzige um Heilung,
ist es, als wollte man ein Übel mit dem andern heilen.

16
Kein Stern, der die Mittagssonne zu ersetzen vermag,
und so hat auch Asmâ keine Gefährtin, sie zu ersetzen.


Aus dem Diwan des Ibn Hamdîs, geboren um 1056 in Siracusa oder Noto auf Sizilien, gestorben 1133 auf Mallorca. Übersetzung (Nachdichtung noch nicht ganz, eher ein Hineintappen in DIESE Bilderwelt) nach dem italienischen Text von Celestino Schiaparelli aus den Jahren um 1915, der zuvor den arabischen Text ediert und herausgegeben hatte (Rom 1897). Seine Übersetzung erschien erstmals 1998 bei Sellerio in Palermo.

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